Die Lüge vom Verwöhnen

Schon wieder so ein Wort, bei dem ich zusammenzucke, wenn es in der Beratung auftaucht, vorzugsweise in der Sexualberatung.
„Ich würde auch gern mal verwöhnt werden“ höre ich da, oder (noch schlimmer): „Sie lässt nicht zu, dass ich sie mal ausgiebig verwöhne!“

Völlig unproblematisch finde ich den Begriff in gewerblichen Kontaktanzeigen wie „Silvana möchte dich verwöhnen“. Dort ist der Handel klar: Geld gegen körperliche Fürsorge. In der Sexualberatung mit Paaren dagegen stellen sich mir die Nackenhaare auf. Selbst wenn damit zunächst nur gemeint ist, dass der eine aktiv und der andere passiv ist: „Verwöhnen“, das klingt so selbstlos, nach freigiebig geschenkter Zärtlichkeit und ultimativen Liebesbeweis.

Nur: so funktioniert weder eine gute Partnerschaft noch guter Sex! Eine Liebesbeziehung jenseits der Verliebtheitsphase beruht auf Austausch: von Interesse, Zärtlichkeit, Zuwendung, Bewunderung, Unterstützung, usw. Ich weiß, dass Sie es nicht gern hören werden, weil es so unromantisch ist: aber die Seele (Ihre und meine) führt Buch darüber. Was sie gibt und was sie bekommt. Was der andere schuldig bleibt. Und das vermeintlich selbstlose „Verwöhnen“ ist in Wahrheit kein Geschenk, denn ein Geschenk kann man sich zwar wünschen – aber nicht einfordern.  „Warum verwöhnst du mich nicht mal?“ ist aber die Forderung, das interne Beziehungskonto auszugleichen.

Noch mehr verschleiert die Klage: „ich würde dich so gern mal ausgiebig verwöhnen!“ worum es eigentlich geht: Derjenige, der sie äußert, stellt sich als den Gebenden dar. Ein geschickter Schachzug, denn unter dem Mäntelchen der Selbstlosigkeit versorge er sich mit dem, was er braucht (wie z.B. Erregung, dem Gefühl, ein guter Liebhaber zu sein, einem guten Gewissen...), ohne es deutlich machen zu müssen!

Allerdings funktioniert es meistens doch nicht. Der andere riecht den Braten und lehnt die ausgiebige Massage trotz Erschöpfung und Verspannung ab. „Das ist mir zu anstrengend,“ sagte eine Klientin. Zu anstrengend? Verwöhnt werden?
„Ja, tatsächlich“, bestätigt sie. Das Anstrengende sei, dass anders als bei der gewerblichen Silvana der Preis unklar bleibt: Erwartet er danach Sex zum Dank? Wird er gekränkt sein, wenn sie dabei einschläft? Muss sie seine Mühen mit einem gigantischen Orgasmus belohnen? Sich revanchieren? Dann doch lieber verzichten.

Guten Sex gibt es eben nicht selbstlos und nur dem anderen zuliebe. Und bei richtig gutem Sex lassen sich Geben und Nehmen gar nicht mehr auseinander halten. Wer hingebungsvoll und genießerisch den Bauch des anderen küsst: gibt der? Oder nimmt er nicht viel mehr? Wer voller Genuss seinen Bauch zum Küssen überlässt: ist das jetzt Geben oder Nehmen?

Verwöhnen kann so schön sein. Wenn klar ist, dass es aus blankem Eigennutz passiert und aus blanken Eigennutz lustvoll angenommen wird. Nur – müssen wir das dann wirklich noch als „Verwöhnen“ beschönigen? 

(C) Berit Brockhausen

 
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Berit Brockhausen
Paar- und Sexualtherapie in Berlin
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