Scham - ja bitte

Ein kühler Herbstvormittag mit Regenschauern. Ein Pärchen kommt mir in T-shirts und Jogginghosen entgegen. Er reicht ihr seine Jacke und sie sagt „Mir ist nicht kalt. Ich hab doch keine steifen Nippel.“

Warum krieg ich bei diesem Satz Gänsehaut? Weil für mich Körperteile noch unterschiedliche Grade der Intimität besitzen. Und Brustwarzen finde ich ziemlich intim. Mal abgesehen, dass ich steife Nippel eher in Verbindung mit Sex assoziiere, ebenfalls etwas, was ich persönlich auch ziemlich intim finde.

Doch damit scheine ich inzwischen ziemlich allein zu stehen. Jederzeit, überall und mit jedem über Sex reden zu können, ist inzwischen Standard. Um zu zeigen, wie offen und unverklemmt man ist – und den Eindruck zu erwecken, dass Sex überhaupt kein Problem ist? Kein Mensch würde über andere intensive Körpererfahrungen wie z.B. Verdauung so selbstverständlich sprechen.

Aber auch Gefühle, die uns wirklich nahe gehen, posaunen wir nicht bei Nachbarn oder Kollegen heraus. Sondern teilen sie nur mit Menschen, die uns sehr vertraut sind. Dass der Chef arrogant ist und keine Ahnung hat, darüber können Sie sich auch vor Bekannten aufregen. Aber wie sehr Sie seine Kritik neulich verletzt und ihr Selbstwertgefühl erschüttert hat, das erfährt nur ihre beste Freundin.
Und das ist richtig so. Scham markiert eine Grenze, ohne die Vertrautheit und Nähe nicht entstehen können. Wer nicht einschätzen kann, welcher Grad von Intimität und Vertrauen der Situation und dem Menschen gegenüber angemessen ist, verhält sich distanzlos und wird nie befriedigende Beziehungen haben können.

Warum also versuchen wir alle krampfhaft, beim Thema Sex über unsere Gefühle von Scham oder Peinlichkeit hinwegzugehen? Schamlosigkeit ist absolut nicht das Gleiche wie unverklemmt. Und jemand, der über Sex wie über das Wetter redet, hat noch lange kein tolles Sexleben. Im Gegenteil. Denn er muss ja die eigenen Erfahrungen von Berührtwerden, Genuss, Verletzlichkeit, Sehnsucht und Nähe ganz besonders tief in sich verbuddeln, um völlig locker darüber sprechen zu können. Doch vergrabene Gefühle kann er nicht mehr spüren – auch nicht in den Momenten, wo sie erwünscht und wichtig sind. Zum Beispiel, um eine erotische Begegnung zu etwas Wunderbarem werden zu lassen.

Sie werden noch rot bei bestimmten Themen? Schämen Sie sich nicht dafür. Mir geht es auch oft so – und ich bin schließlich Sexualtherapeutin. Und finde, dass das hervorragend zusammen passt! Natürlich spreche ich mit meinen Klienten trotz dieser Empfindungen über ihr Verhalten und ihre Gefühle beim Sex. Aber weil ich dabei spüre, dass es kein oberflächliches Allerweltsthema ist, ermögliche und schütze ich die Intimität der Menschen, die zu mir kommen. Und meine eigene.
(C)  Berit Brockhausen




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Berit Brockhausen
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