...was ist schon normal?

Um sagen zu können, was ein sexuelles Problem ist, müssten wir wissen, was unproblematische Sexualität ist. Doch leider wird es da schon schwierig.

Denn zu ganz "normaler" Sexualität gehören Zeiten von verringerter Lust immer wieder dazu. Auch vorübergehende Erektionsprobleme oder das gelegentliche Ausbleiben eines Orgasmus sind keine Störungen, sondern völlig normal. Ab wann muss man sich also Sorgen machen? Wenn man nicht so funktioniert wie alle anderen?

Aber wer weiß schon, wie es andern geht im Bett? Was sie wirklich tun und wie oft, was bei ihnen klappt und was nicht, wieviel Spaß sie dabei haben oder nicht, und ob sie es bald wieder wollen...

Soll man den Stammtischgesprächen Glauben schenken? Oder den kessen Sprüchen der Kolleginnen nach einem Wochenende? Wie ehrlich ist die Freundin, die bei angedeuteten Problemen mit völligem Unverständnis reagiert?

Selbst gefilmter Sex von realen Paaren liefert keinen realistischen Eindruck, denn schließlich macht das Paar den Sex nicht nur für sich, sondern auch für die Zuschauer. Der Informationsgehalt von Pornos ist ebenfalls schwer begrenzt. Pornos sind inszenierte sexuelle Begegnungen, deren Ziel es ist, beim Betrachter möglichst viel Erregung auszulösen - sie haben mit dem wahren Leben so viel zu tun wie ein Bollywood-Film mit einer alltagstauglichen Liebesbeziehung.

Also muss die Wissenschaft ran! Doch leider sind die über "Umfragen" erhobenen Zahlen und Häufigkeiten ebenfalls wenig aussagekräftig - schließlich ist völlig unklar, ob die Befragten tatsächlich Angaben über das machen, was sie tun, oder ob ihre Antworten nicht viel mehr darüber aussagen, wie sie denken, dass ihre Sexualität sein sollte.

So geben die Daten eben nicht darüber Auskunft, in welcher Stadt die Männer länger beim Sex durchhalten, oder wie häufig ein Paar nach 10 Ehejahren noch miteinander Sex hat. Denn je nach Fragestellung und Auswahl der Befragten bekommt man eine andere "Wahrheit".
Ein zweiter Grund, diese sogenannten empirischen Datenerhebungen skeptisch zu betrachten, hat mit dem Interesse der Auftraggeber zu tun. Ein Pharmakonzern, der zum Beispiel ein Medikament gegen den vorzeitigen Samenerguss verkaufen will, wird nicht die Zeit stoppen, und ein Medikament für die zu entwickeln, die tatsächlich regelmäßig in weniger als einer Minute zum Orgasmus kommen.

Sondern dieser Konzern wird eine Umfrage durchführen: Wie häufig kommen Sie früher zum Samenerguss, als Ihnen lieb ist?
Auf diese Weise lässt sich dann ein schwerwiegendes und weit verbreitetes sexuelles Problem feststellen. Damit erhält das neue Medikament eine große gesellschaftliche Wichtigkeit, taucht entsprechend in den Medien auf, und man hat gute Argumente für die Bewilligung weiterer Forschungsgelder.

Gleichzeitig wird die Zielgruppe zukünftiger Kunden deutlich größer. Denn diese neue Definition von "Vorzeitigem Samenerguss" betrifft nicht nur die Männer, die tatsächlich schneller als in einer Minute zum Orgasmus kommen, sondern auch alle anderen - inklusive derer, die finden, dass 30 Minuten nicht lang genug ist!
(C) Berit Brockhausen


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Berit Brockhausen
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