Warum mir manchmal die Lust vergeht

Seit 1985 mache ich Sexualberatung. Und vorher habe ich zwei Jahre für meine Diplomarbeit geforscht und geschrieben - ebenfalls zum Thema Sexualität. Kein Wunder, dass die Frage immer wieder kommt: warum? Warum beschäftigt sich jemand mit dem Thema Sexualität so intensiv, wie Sie es tun, Frau Brockhausen?

Die Frage ist berechtigt, deshalb habe ich darüber nachgedacht. Und die Antwort lautet: weil es eine Arbeit an den tiefen existenziellen Fragen unseres Menschseins ist. Wie Geburt und Tod sind auch Liebe und Sexualität Quellen von reinem Schmerz und reiner Freude. Sie ermöglichen Momente, in denen wir uns spüren, wie wir sind.

Deshalb arbeite ich so gern mit Paaren, die sexuelle Probleme haben: allerdings nicht an irgendwelchen Techniken. Guter Sex ist keine Frage der Technik, sondern er ist  abhängig von der Fähigkeit, dem Partner zu begegnen und dabei sich selbst treu zu bleiben.

Wie aufregend, wenn beide in der Therapie beginnen, sich selbst wahrzunehmen. Wenn sie sich ihren Ängsten stellen und sich -  mehr als nur körperlich nackt - begegnen. Wenn sie ihre Verletzlichkeit spüren und manchmal unter Schmerzen die eigene Identität und die Lust entdecken. Wohlgemerkt, ich rede nicht von Bondage. Sondern von Selbst-Bewusstsein, Intimität und Nähe.

Deshalb machte mir die Arbeit als Sexualberaterin in all den Jahren viel Spaß. Umso verblüffter war ich im letzten Jahr von meiner eigenen Reaktion anlässlich einer Fortbildungsausschreibung zur Swingerszene. Während mein Verstand sagte: das ist wichtig, das Thema kommt immer häufiger in den Beratungen vor, reagierte mein Gefühl sehr kategorisch: Kein Bock. Muss ich nicht haben.

Was war los mit mir? Keine Lust mehr auf Sexualität als Beratungsthema? Am Rande eines Kongresses sprach ich mit einem Kollegen darüber. „Geht mir ganz genauso,“ sagte er. „Und es ist doch auch kein Wunder. Als Therapeuten nehmen wir die Gefühle auf, die unsere Klienten nicht spüren können oder wollen. Und was das Thema Sex betrifft, gibt es viel Überdruss, der noch abgewehrt wird.“

Überdruss. Das war genau der Begriff. Mir kommt es so vor, als ob echtes Gefühl unter all den Empfehlungen für guten Sex zunehmend verschüttet wird.
Als eine dreißigjährige Klientin ihrem Partner erotische Fotos von sich schenkte, bei denen sie im Rahmen eines professionellen Fotoshootings mit Strapsen und Dessous inszeniert wurde, gruselte es mich. Sie erfüllte, was landläufig als erotisch gilt. Doch wo war sie selbst in diesen Bildern? Wo ist, was sie selbst und ihre ganz eigene Erotik ausmacht? Ihre Persönlichkeit? Weiß sie überhaupt, wer sie ist? Will sie es überhaupt wissen? Und will er es wissen?

Seitdem habe ich den Impuls, jedem Paar zu gratulieren, das sich diesem Hype  entzieht, indem es mit Lustlosigkeit reagiert. Den Performancedruck aufzugeben, ist schon mal der erste Schritt. Die Richtung zu wechseln, eröffnet die Chance, Sex wirklich intensiv zu erleben.  Weit entfernt von Fun und Lifestyle, sondern als Begegnung mit dem anderen. Und mit sich selbst.

(C) Berit Brockhausen

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