Beziehungssex - besser als sein Ruf

Man nehme

die Vorteile von Verliebtheitssex - nämlich die Sehnsucht nach Verschmelzung, Leidenschaft, Begehren und Verzückung angesichts des anderen,
die Vorteile von Beziehungssexualität - nämlich Vertrautheit, Sicherheit, Geborgenheit und Zuneigung,
die Vorteile von Affärensex - zum Beispiel Geilheit, Zielstrebigkeit, Aufregung, und Nichtalltäglichkeit,
ignoriere konsequent die Nachteile aller drei Formen und
vermische das Ganze zu etwas, was dann als "normaler Sex" bezeichnet wird.

Ergebnis: Tiefe Verunsicherung auf allen Seiten. Egal ob verliebt, in einer Affäre oder in einer Beziehung, die Zweifel bleiben: Kann es sein, dass ich mit dem, was im Bett läuft, wirklich zufrieden bin? Fehlt nicht noch was? Verpasse ich was? Müsste es nicht noch viel inniger, geiler und ekstatischer sein? Was stimmt mit mir nicht, wenn ich nicht das ganze Spektrum der Sexualität erlebe, ja noch schlimmer, vielleicht gar keine Lust auf mehr habe, als auf das was gerade ist?

Kommen Ihnen diese Gedanken vielleicht bekannt vor? Weil es prinzipiell möglich wäre, unter unterschiedlichen Bedingungen bestimmte Qualitäten zu erleben, wird daraus zunehmend ein Muss: Sexualität ohne Begehren, Geilheit, Verschmelzung und unaufschiebbarer Lust ist nicht normal.

Und niemandem scheint aufzufallen, wie widersprüchlich diese Vorgaben sind – mit der Konsequenz, dass es eigentlich unmöglich ist, guten Sex zu haben, weil immer etwas fehlt. Wie wollen Sie denn zum Beispiel gleichzeitig die leidenschaftliche Sehnsucht empfinden, die aus der Aufregung und Unsicherheit des Beziehungsanfangs resultiert und sich gleichzeitig zutiefst geborgen fühlen?

Fakt ist, der allergrößte Teil sexueller Begegnungen findet in Beziehungen statt. Höchste Zeit also, sich bewusst zu machen, was das bedeutet, um endlich die Vorteile zu genießen und mit den Nachteilen souverän umzugehen.

Allerdings: Beziehungssexualität ist aus meiner Sicht als Paar- und Sexualtherapeutin nur etwas für Erwachsene. Um sie zu genießen brauchen wir viel Selbst-Vertrauen und Selbst-Bewusstsein. Warum?

Weil einen die Lust nicht mehr schicksalhaft überfällt. Sondern man muss sie wollen. Und gegebenenfalls einladen. Weil der Alltag sein Recht fordert und eine sexuelle Begegnung schnell verschoben wird – der Partner rennt ja nicht weg, und Sex können wir auch morgen noch machen, während dieser „Tatort“ nur heute Abend läuft.

Das bedeutet: Beziehungssex muss man nicht nur wollen, sondern man muss auch etwas dafür tun. Und nicht zuletzt muss man immer wieder mit unterschiedlichen Bedürfnissen umgehen, und der Tatsache, dass keiner der Partner was davon hat, wenn einer sich durchsetzt oder der andere sich immer mehr zurücknimmt.

Darüber hinaus muss man immer wieder neue Formen des körperlichen Beisammenseins entwickeln, wenn sich das Leben (Kinder), der Körper (Alter, Krankheiten) oder die Situation ändern. Man muss Wege finden, Lust und Sex zu teilen, auch wenn man sich im Alltag übereinander ärgert und die Zeiten vorbei sind, in denen man vorbehaltlos voneinander begeistert war.

Sie finden es manchmal nicht einfach, die Lust in Ihrer Liebesbeziehung lebendig zu halten? Recht haben Sie. Und ich hoffe, dass Sie es weiterhin versuchen, denn was Sie gewinnen, ist nicht nur sexuelle Befriedigung. Sondern eine lebendige Partnerschaft, in der sich beide miteinander persönlich weiter entwickeln. Vorausgesetzt, Sie arbeiten sich nicht mehr an der unlösbaren Aufgabe ab, die widersprüchlichen Vorgaben von "normalem Sex" zu erfüllen.
(C)Berit Beockhausen


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Berit Brockhausen
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